ARTHRALGIE
 
Arthralgia, chronische Arthralgie

Mit Arthralgie (Arthralgia) bezeichnet der Mediziner Schmerzen im Gelen k. In der ärztlichen Praxis wird man mit diesem Gesundheitsproblem sehr häufig konfrontiert. In vielen Fällen kann eine Arthralgie trotz sorgfältiger Anamnese (= Erhebung der Vorgeschichte), Untersuchung und zusätzlicher Diagnostik (z.B. Röntgenaufnahme, Gelenkspiegelung) nicht klar einem Krankheitsbild zugeordnet werden.

Verbleibt eine (chronische) Arthralgia trotz einer adäquaten, kausalen (= auf die Ursache gerichteten) fachärztlichen Behandlung, so sind schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt, die oft bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen sind, da sie sich nunmehr nach dem Schmerz und seiner Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach seiner Ursache richten.

1) Arthralgie bei Gelenkentzündung (Arthrit is) infolge einer Systemerkrankung

Meist sind dabei mehrere Gelen ke betroffen. In dieser Gruppe dürften rheumatische bzw. rheumatoide (= rheumaähnliche) Ursachen dominieren. 
Bei der primär chronischen Polyarthritis (PcP), auch rheumatoide Arthritis oder Polyarthrit is rheumatica genannt, handelt es sich um eine chronische, unterschiedlich fortschreitend verlaufende, entzündliche, destruierende
(= mit Zerstörung einhergehenden) Gelenkkrankheit mit Beteiligung aller Gelenkstrukturen. Es besteht eine Tendenz zur
Bewegung seinschränkung bis zur Ankylosierung (= vollständige Gelenksteife), aber auch zum Stabilitätsverlust der Gelen ke, Beteiligung von Sehnenscheide (Tendosynovitis) und Sehnen mit entsprechenden Folgezuständen. Vor allem in Gelenknähe kommt es zu Bildung von Rheumaknoten unter der Haut. Typisch sind auch Muskel atrophien (= Verringerung der Muskelmasse), vor allem im Bereich des Hand rücken s und der Oberschenkel
Es können auch Arterien befallen werden, die dann ebenfalls entzündlich reagieren (Vaskulitis). Selten sind auch Herz, Lungen und Augen beteiligt. 
Auch Stoffwechselerkrankungen können zu einer Arthritis und damit zu einer
Arthralgia führen. Zu nennen wäre hier die Harnsäuregicht (Arthritis-urica). Davon sind hauptsächlich Groß zehen grundgelenke Mittelfuß und Sprunggelenke betroffen. 
Im Jugendalter kann eine Arthralgie im Rahmen einer systemischen juvenilen chronischen Arthritis (Still Syndrom) auftreten, eine meist symmetrisch verteilte Polyarthritis
(= En tzündung in mehreren Gelen ken). Begleitende Krankheitszeichen sind Fieber, Milz- und Lebervergrößerung sowie Lymphknotenschwellungen. 
Auch die Schuppenflechte (Psoriasis) kann zu einer
Arthralgia führen. Bei der Psoriasis-Arthritis handelt es sich um eine fortschreitende, gelenkzerstörende Schmerzerkrankung, bevorzugt an Händen und Füßen.
Bei oder nach Infektionskrankheiten (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) kann es ebenfalls zu einer Arthralgie kommen, die sog. parainfektiöse reaktive Arthritis.
 

2) Arthralgie, die auf eine Eigenerkrankung des betroffenen Gelenks zurückzuführen ist.

Hier wäre an erster Stelle die Arthrose zu nennen, eine vorwiegend degenerative (= abnutzungsbedingte) Gelenkerkrankung, die (mit großen Schwankungen) erst mit zunehmendem Alter auftritt. 
Bei der sog. Arthrosis deformans (
Arthropathia deformans) bestehen chronische, schmerzhafte, zunehmend funktionsbehindernde Gelenkveränderungen infolge eines Mißverhältnisses von Tragfähigkeit und Belastungen. Betroffen sind vor allem Hüftgelenke und das Kniegelenk.
Die Ausbildung einer Arthrose und die damit verbundene Arthralgie kann durch mehrere Faktoren begünstigt werden. So z.B. Überlastungen (Kniegelen ke beim Fliesenleger), Vorschädigungen infolge eines Unfalls oder auch eigenständige
Gelenkentzündung (Arthrit is). Eine Arthralgie ist häufig auch unfallbedingt, im Vordergrund stehen dabei Prellungen. Relativ häufig sind Schmerzen im Knie nach Schmerzen in der Schulter können durch Verrenkung bzw. Ausrenkung entstehen. 
Eher selten können auch Tumore zu einer Arthralgie führen, meist gehen diese von der Innenhaut der Gelenkkapsel (Membrana synovialis) oder von der Gelenkkapsel selbst aus. 
An gutartigen Tumoren kommen vor: 

Bösartig ist das maligne Synovialom.
 

Schmerzbehandlung:
Grundsätzlich gilt, daß durch eine geeignete Diagnostik
(= Maßnahmen zur Erkennung von Krankheiten) versucht werden muß, eine für die Arthralgie
(Arthralgia) ursächliche, spezifische Erkrankung zu entdecken. Gelingt dies, so muß diese zunächst kausal (= entsprechend dem Krankheitsbild) behandelt werden. 
Ist die Arthralgie z. B. Folge eines bereits weitgehend zerstörten Gelenkes, so kommt eigentlich nur die operative Einpflanzung einer sog. Endoprothese in Frage. 
Bei einer rheumatisch bedingten
Arthralgie überläßt der Schmerztherapeut die medikamentös/ systemische Grundbehandlung dem erfahrenen Rheumatologen. Verbleibt nach einer krankheitsspezifischen Behandlung dennoch eine chronische Arthralgie, so eignen sich zur Behandlung folgende Maßnahmen, wobei Dauerschmerzen praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordern.

Medikamentöse Schmerzbehandlung einer Arthralgie:
Akut (= plötzlich einsetzend, heftig) und subakut (= eher schleichend verlaufend)können zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerz entstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und
magen schonende wie z.B. Mobec®. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal ist aber eine Arthralgie nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N® oder gar Morphin)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Grundsätzlich sollte aber auch bei Arthralgie (chronische) eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. 
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden
Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch bei einem chronischen Schmerz wirksam) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) zur Schmerztherapie:
Bei einer anhaltenden, chronischen Arthralgie sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem lang wirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockaden. Dabei werden die schmerzhaften Gelenke wiederholt (stationär bei uns zwei mal täglich) großzügig perikapsulär (= um die Gelenk kapsel herum) infiltriert. 
Schmerzhafte Gelen ke können auch mit "Zeel" umspritzt werden, was manchen Patienten mit "homöopathischer" Grundeinstellung sehr entgegen kommt. 
Als nächst höhere Therapiestufe kommen wiederholte Ner ven- bzw. Leitungsblockaden in Frage, in hartnäckigen Fällen auch kontinuierlich mit Katheter*.

Ner ven und

 

 

 

 

 

Nervengeflechte:

           zugehörige Gelen ke:

 

Plexus brachialis:

Ellenbogen, Hand - und Fingergelenk e,

 

 

mit der retrograd hohen Variante kann

 

 

auch das Schultergelenk erreicht werden

Plexus lumbalis (mittels

 

 

 

N. femoral is-Katheter):

Hüfte bzw. Hüftgelenk

 

 

 

N. femoralis:

Kniegelenk

 

 

 

N. ischiadicus:

Fußgelenk e

 

 

Grundsätzlich wird das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) jeweils so verdünnt verabreicht, daß nur die Sensibilität (= u.a. Schmerzempfindung) betroffen ist, die Motorik (= Muskelfunktion) aber erhalten bleibt und damit begleitend intensive, gelenkfunktionserhaltende sowie funktionsfördernde krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich sind, bzw. bei einem stärkeren Schmerz durch Hemmung der Nozizeption (= Schmerzreizleitung) erst möglich werden. Diese Nervenblockade n haben darüber hinaus einen sehr günstigen Nebeneffekt. 
Durch die gleichzeitige Blockade vegetativer Nervenfaseranteile kommt es im korrespondierenden Gewebebereich zu einer sehr deutlichen Mehrdurchblutung, die jedem entzündlich / degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung nicht nur symptomatisch
(= nicht nur auf den Schmerz gerichtet), sondern
bei einer entzündlichen oder degenerativen (= abnutzungsbedingten) Arthralgie auch kurativ (= heilend).

*   Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden.

Physikalische Therapie bei einer Arthralgie:
Auch eine Elektrostimulation kann bei chronischer
Arthralgie eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig über dem betroffenen Gelen k aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. Auch eine sog. Hochtontherapie kann sehr hilfreich sein.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist. 
Manche Patienten mit einer Arthralgie (chronische) empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls eine
Arthralgie lindern. Auch die Magnetfeldtherapie kann hilfreich sein.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei Arthralgie
nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten. Nahezu unverzichtbar ist jedoch die heilgymnastische Therapie, da meist nur diese geeignet ist, Gelenkfunktionen zu fördern bzw. zu erhalten.
Auch kann eine
Magnetfeldtherapie (pulsierende Signaltherapie) versucht werden.

Andere Therapiemaßnahmen: 
Der Vollständigkeit halber darf die
Akupunktur (Schmerzakupunktur) zur Behandlung einer chronischen Arthralgie nicht unerwähnt bleiben. 
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind im Rahmen einer psychologischen Mitbetreuung eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie. Bei einer Arthralgie (chronische) ist auch ein Schmerzbewältigungstraining sinnvoll.

Wenn eine Arthralgie längerfristig besteht, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

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Aktualisiert: 7.11.2006 k u
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